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Physio-Mythen aufgedeckt: Tut Arthrose überhaupt weh?

Matthias Kranz
vor 12 Stunden
8 Min. Lesezeit

Worum es in dieser Folge geht

In dieser Folge geht es einmal nicht um uns. Matze, Rebekka und Yannick haben jeder ein paar Sätze mitgebracht, die in der Praxis jede Woche fallen — von Patienten, von Bekannten, manchmal auch aus dem eigenen Berufsstand. Wir gehen sie der Reihe nach durch: Was stimmt daran? Was nicht? Und warum hält sich der Satz so hartnäckig?

Ein Gedanke zieht sich durch fast alle Mythen: Eine Diagnose sagt, was jemand hat. Sie sagt nicht, warum er es hat. Und genau dieser zweite Schritt fehlt im Alltag meistens.

Die Folge läuft 55 Minuten. Kein Skript, keine Werbung.

Bei Arthrose hilft nur noch eine Operation

Das ist der Satz, der Menschen am schnellsten entmutigt. Er stimmt so nicht.

Ein Gelenkersatz ist heute ein gutes und solides Verfahren. Wenn jemand kaum noch gehen kann, wenn Bewegung nicht mehr geht und dauerhaft starke Schmerzen bestehen, ist die Operation sinnvoll — dann ist sie die richtige Entscheidung. Aber sie ist die letzte Option, nicht die erste. Der Konsens hat sich in den letzten Jahren genau in diese Richtung verschoben.

Zwei Dinge, die man vorher wissen sollte. Erstens: Eine Operation behandelt das Symptom. Wenn die Ursache nicht gefunden wird — vorausgesetzt, es steckt kein Unfall dahinter —, sucht sich das Problem oft eine andere Stelle. Nach dem Knie meldet sich irgendwann die Hüfte oder das Sprunggelenk. Zweitens: Eine Operation lässt sich nicht rückgängig machen. Wenn das Ergebnis hinter den Erwartungen bleibt, wird eine Verbesserung danach deutlich schwieriger.

Unser Punkt ist nicht, dass operiert wird. Unser Punkt ist, dass vielen Menschen die Wege dorthin gar nicht erst gezeigt werden.

Ich habe Arthrose, deshalb habe ich Schmerzen

Das ist fachlich falsch — und für viele die überraschendste Aussage der Folge.

Der Knorpel selbst kann keinen Schmerz melden. Ihm fehlen die entsprechenden Nervenendigungen. Was weh tut, ist die Entzündungsreaktion, die entstehen kann, wenn Abrieb im Gelenk liegt. Man kann sich das wie Sand im Gelenk vorstellen: Der Körper reagiert darauf, um ihn abzutransportieren, und genau diese Reaktion ist schmerzhaft. Nicht der Verschleiß.

Dazu kommt ein einfaches logisches Argument. Wenn Arthrose an sich wehtun würde, müssten alle Menschen mit dieser Diagnose Schmerzen haben. Das ist nachweislich nicht so.

Was daraus folgt: An der Arthrose selbst lässt sich nichts mehr ändern — da haben Ärzte recht. Aber an dem, was die Entzündung immer wieder auslöst, lässt sich oft sehr wohl etwas ändern. Genau dort suchen wir.

Arthrose ist eben das Alter

Zum Teil stimmt das. Wenn jemand mit 85 oder 90 eine Arthrose entwickelt, die Beschwerden macht, ist das nachvollziehbar.

Zwei Beobachtungen machen den Satz trotzdem zu einer Pauschalisierung.

Die erste: Wenn jemand mit 35 oder 40 bereits mit einer deutlich symptomatischen Arthrose kommt, ist Alter keine Erklärung. Dann muss man fragen, warum das Gelenk in diesem Alter schon so weit ist.

Die zweite: Auch bei einem 85-Jährigen mit beidseits gleichem Verschleiß im Knie bleibt die Frage, warum das eine Knie weh tut und das andere nicht. Das Alter ist bei beiden Knien dasselbe. Bei einseitigem Verschleiß ohne Unfall und ohne einseitige berufliche Belastung lohnt es sich fast immer, die Vorgeschichte durchzugehen.

Das MRT erklärt alles

Ein Bild zeigt die anatomische Ebene. Es zeigt, was geschädigt ist. Es zeigt nicht, wie es dazu gekommen ist.

Ein Beispiel, das wir oft sehen: Beschwerden, die von heute auf morgen da waren, dazu ein Befund mit Arthrose. Der Schluss liegt nahe — nur entsteht eine Arthrose in aller Regel nicht über Nacht, jedenfalls nicht in einem Ausmaß, das plötzlich solche Schmerzen erklärt.

Noch deutlicher wird es bei einer Diagnose wie LWS-Syndrom. Übersetzt heißt das: Der Patient hat Schmerzen in der Lendenwirbelsäule. Das hätte der Patient auch selbst sagen können. Es ist die Beschreibung des Symptoms, keine Ursache.

Das Problem dahinter ist nicht der Befund, sondern was er auslöst. In vielen Köpfen wird aus dem Zettel: Das ist das, was mir Probleme macht. Und damit endet die Suche, bevor sie angefangen hat. Dazu kommt, dass eine Diagnose dazu verleitet, die Verantwortung abzugeben — Medikament, Rezept, Operation, der Nächste kümmert sich.

Bei Arthrose muss man schonen

Das Beste, was jemand mit Arthrose tun kann, liegt bei ihm selbst: Bewegung, und in diesem Fall besonders Krafttraining. Mit Plan, langsam anfangen, aufbauen, kontinuierlich steigern. Damit erreicht man die besten Effekte auf Alltagstauglichkeit, Beweglichkeit und Schmerzarmut.

Und es braucht Geduld. Anpassungsprozesse im Krafttraining laufen nicht in einer Woche ab. Man muss ein paar Wochen regelmäßig trainieren, bevor man beurteilen kann, ob es etwas bringt.

Zur Wassergymnastik, weil sie so oft fällt: Wenn sie Freude macht oder überhaupt der Einstieg in Bewegung ist, ist sie großartig. Jede Bewegung, die Spaß macht und sich in den Alltag integrieren lässt, ist gut. Der Mythos steckt in einem anderen Satz — ich mache Wassergymnastik, weil ich wegen meiner Arthrose sonst nichts machen kann. Das stimmt fast nie. Und im Wasser fehlt die Übertragung in den Alltag, denn im Alltag bewegen wir uns nicht im Wasser fort.

Erst wurde es sogar schlimmer, also schadet es

Eine anfängliche Verschlechterung ist bei einem gereizten Gelenk erklärbar. Man bringt Belastung hinein, die Reizung kann kurzfristig zunehmen. Über diesen Punkt muss man hinaus, dann wird es besser.

Entscheidend ist die Aufklärung vorher. Wer nicht weiß, dass das passieren kann, geht dreimal trainieren und beim vierten Mal nicht mehr hin. Und weicht dann auf etwas aus, das nicht weh tut — womit man wieder bei der Wassergymnastik ist.

Nur aktive Therapie zählt, passiv bringt nichts

Pauschale Aussagen gehen hier in beide Richtungen daneben.

Es gibt Patienten, bei denen Statik, Beweglichkeit und Muskulatur unauffällig sind. Mit denen arbeiten wir direkt aktiv. Es gibt andere, bei denen erst etwas anderes bearbeitet werden muss, damit ein Training überhaupt sinnvoll gestaltbar ist. Und es gibt Patienten, die zuerst im Schmerzniveau herunter müssen. Wer bei jeder Bewegung starke Knieschmerzen hat und dem man sagt, mach mal ein paar Kniebeugen, wird weder die Motivation noch die Ausführungsqualität aufbringen.

Wir arbeiten deshalb in vier Phasen. Erstens die Akutphase: Beschwerdebild und Ursache erfassen und behandeln. Zweitens die Aufbauphase: Training, Muskulatur, Stabilität, Koordination. Drittens die Erhaltungsphase, in der der Patient selbstständig weitermacht. Und viertens ein Check-up-Termin, bei dem wir gemeinsam prüfen, ob das Ziel vom Anfang erreicht ist.

Die klemmen die Patienten nur noch an Geräte

Das passiert bei uns nicht. Kein Patient wird ohne Befund, ohne Anfassen, ohne Palpation, ohne Bewegungsanalyse an ein Gerät angeschlossen. Das ist nie passiert und wird auch nicht passieren.

Umgekehrt gilt aber genauso: Sich neuen Verfahren zu verschließen, ohne sich damit beschäftigt zu haben, ist kein Qualitätsmerkmal. Wir haben Geräte getestet und wieder verworfen, weil wir den Mehrwert nicht gesehen haben. Und wir setzen die ein, bei denen wir ihn sehen.

Der Grund dafür ist einfach: Es gibt Wirkungen, die sich mit den Händen nicht nachbauen lassen. Passive Maßnahmen ersetzen die Hände nicht — sie ergänzen sie um etwas, das die Hände nicht leisten können.

Magnetfeld hilft immer, das hat bei einem Bekannten auch geholfen

Solche Anfragen bekommen wir regelmäßig. Die pauschale Anwendung ist das Unsinnigste, was man machen kann.

Ein Beispiel: Bei Knieschmerzen kann man ein Gerät einfach aufs Knie legen. Kurzfristig passiert dabei vermutlich sogar etwas. Wenn das Problem aber aus der Lendenwirbelsäule oder dem Sprunggelenk kommt, gehört die Anwendung dorthin — sonst behandelt man die Stelle, an der es weh tut, und nicht die, die es verursacht.

Deshalb steht bei uns vor jeder Anwendung ein Befund. Nicht das Gerät entscheidet, sondern die Ursache.

Ein guter Therapeut braucht nur seine Hände

Das ist ein Mythos aus dem eigenen Berufsstand, und einige halten daran fest.

Wir arbeiten gerne mit den Händen. Das ist der Grund, warum wir diesen Beruf gewählt haben, und die manuelle Arbeit ist der Kern von dem, was wir tun. Aber es geht nicht darum, ob am Ende die Hände geholfen haben oder ein Gerät. Es geht darum, dass dem Patienten geholfen wird. Alles andere ist Ego.

Zuerst muss immer der Arzt ran

Ärzte sind nach wie vor enorm wichtig. Es geht nicht darum, sie zu ersetzen.

Bei einem klaren Unfall — Sturz, Umknicken, plötzliche Gewalteinwirkung — ist der Arzt der richtige Erstkontakt, ohne jede Frage. Da muss abgeklärt werden, ob strukturell etwas verletzt ist.

Bei Beschwerden, die sich schleichend über Wochen oder Monate entwickelt haben und kein klares Trauma haben, sind Sie bei einem Physiotherapeuten oder Osteopathen gut aufgehoben. Der Grund ist vor allem Zeit: Ursachensuche braucht sie, und Ärzte haben sie im heutigen System nicht.

Dazu kommt die Spezialisierung. Ein Arzt muss sich mit allem auskennen — ob jemand mit einer Grippe kommt, mit einem Muskelfaserriss oder im neunten Monat schwanger ist. Wir beschäftigen uns in der Ausbildung und danach jeden Tag fast ausschließlich mit dem Bewegungsapparat.

Bei uns können Sie direkt kommen, ohne Verordnung vom Arzt. Möglich macht das der sektorale Heilpraktiker für Physiotherapie. Dabei geht es im Kern darum, den eigenen Kompetenzbereich zu kennen — und vor allem dessen Grenzen. Wer nicht einschätzen kann, wer bei ihm nicht gut aufgehoben ist, sollte nicht erste Anlaufstelle sein. Das gilt für uns genauso wie für alle anderen.

Viele Länder haben den direkten Zugang längst. In Österreich stellt der Arzt die Diagnose, über Art, Dauer und Umfang der Therapie entscheiden die Physiotherapeuten.

Bei einem Bandscheibenvorfall darf man sich nicht bewegen

Lange Inaktivität ist nur in den seltensten Fällen sinnvoll. Die klare Ausnahme ist ein Knochenbruch — da hat die vorgegebene Schonung ihren Grund. Ebenso ausgenommen sind Bandscheibenvorfälle mit relevanten neurologischen Ausfällen. Das gehört abgeklärt.

Für moderate bis kleine Bandscheibenvorfälle gilt das nicht. Das ist kein Weltuntergang und bedeutet nicht, dass Sie nie wieder Sport machen oder Ihr Leben umstellen müssen. Der Weg führt über moderate Belastung, Beweglichkeit sowie Kraft- und Stabilitätsaufbau — und auch hier über die Frage, warum es dazu gekommen ist.

Ich habe mir einen Wirbel ausgerenkt

Diesen Satz bekommen wir regelmäßig geschrieben. Er beschreibt etwas anderes, als die meisten meinen.

Ausgerenkt heißt, dass ein Gelenk seine Position verlassen hat und die Gelenkpartner voneinander getrennt sind. Das kennt man von der Schulter, der Kniescheibe oder einem Finger. An der Wirbelsäule passiert das praktisch nur durch ein schweres Trauma — und dann hätte man ganz andere Probleme, als eine Nachricht zu schreiben.

Gemeint ist in aller Regel eine Blockade oder eine Dysfunktion. Interessant daran: Bei jedem anderen Gelenk wissen die Leute genau, was ausgekugelt bedeutet. Nur an der Wirbelsäule wird der Begriff anders benutzt.

Und zur Anschlussfrage, die immer kommt: Wir renken nicht ein. Wir lösen Blockaden.

Beim Einrenken rutscht das Gelenk wieder zurück

Es kursiert die Vorstellung, bei einer Blockade schiebe sich ein Facettengelenk hinter das andere und werde mit einer Technik zurückgeholt. So funktioniert das nicht.

Die kleinen Wirbelgelenke liegen wie Dachschindeln aufeinander. Sie rutschen nicht übereinander weg und werden nicht zurückgeschoben.

Knacken ist schädlich, davon leiern die Bänder aus

Das Knacken sind Adhäsionen, die sich lösen. Jedes Gelenk hat einen natürlichen Unterdruck. Der kann so weit ansteigen, dass sich das Gelenk nicht mehr frei bewegen lässt — die einen nennen das Blockade, die anderen Dysfunktion. Über verschiedene Techniken lässt sich das regulieren, das Gelenk bewegt sich wieder frei, und akute Schmerzen gehen dabei oft weg.

Strukturell wird dabei nichts kaputt gemacht. Es leiern keine Bänder aus.

Das eigentliche Problem ist nicht das Knacken, sondern die Wiederkehr. Wer ständig blockiert, hat in aller Regel eine Ursache dahinter: eine Instabilität, zu wenig Bewegung, eine dauerhafte Fehlbelastung oder eine Fehlhaltung. Sich selbst täglich zu knacken oder sich dauerhaft einrenken zu lassen, macht nichts kaputt — es ist nur keine Lösung. Es ersetzt die Frage, warum es immer wieder passiert.

Ohne meinen Therapeuten geht es nicht

Eine Abhängigkeit vom Therapeuten halten wir für ein schlechtes Ergebnis. Regelmäßig hingehen müssen, sich ständig abklären lassen, immer mit demselben Problem kommen, nicht ohne Therapeuten trainieren können — das ist nicht das Ziel. Das Ziel ist Eigenständigkeit.

Nicht jede Übungsroutine ist Abhängigkeit. Wer merkt, dass in einer stressigen Phase ohne Krafttraining der Rücken wieder Probleme macht, hat etwas verstanden. Kritisch wird es, wenn eine Übung nur kompensiert. Das typische Bild: starke Nackenschmerzen, und man dehnt den Nacken immer wieder. Kurzfristig hilft das fast immer. Manchmal ist es sogar die richtige Lösung. Häufig ist es aber nur die Verlängerung des Problems.

Bei chronischen Beschwerden oder Befunden, die sich nicht ändern lassen, ist ein Werkzeug zur Selbsthilfe völlig in Ordnung. Als Übergang. Nicht als Dauerzustand für die nächsten dreißig Jahre.

Die ganze Folge hören

NextGen Therapy Folge 5 läuft 55 Minuten und ist auf YouTube und Spotify verfügbar. Wenn Sie selbst einen Satz kennen, der Ihnen immer wieder begegnet, schreiben Sie ihn uns — wir sammeln Mythen von Hörern für eine der nächsten Folgen.

Eine Frage, die hier nicht beantwortet wird?

Jeder neue Patient beginnt bei uns mit einem kostenfreien Erstgespräch von 45 Minuten. Sie schildern, was passiert ist, wir untersuchen körperlich und geben eine erste Einschätzung. Danach besprechen wir gemeinsam, was sinnvoll ist und was es kostet. Physiotherapie Matthias Kranz, Kutenhauser Straße 155a und Stiftsallee 29 in Minden.

 
 
 

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