top of page

Was in der Physiotherapie-Ausbildung fehlt

Matthias Kranz
vor 12 Stunden
5 Min. Lesezeit

Worum es in dieser Folge geht

Matze und Yannick sprechen über zwei Themen, die zusammenhängen: was in der Ausbildung zum Physiotherapeuten schiefläuft — und warum das System danach verhindert, dass aus guten Therapeuten sehr gute werden.

Der Anlass war ein Tag, an dem rund sechzig Auszubildende aus drei Schulklassen unsere Praxis besucht haben. Sechs Stunden lang durften sie alles ausprobieren. Die häufigste Rückfrage danach: Warum gibt es das nicht öfter?

Eine Sache vorweg, weil sie im Podcast mehrfach fällt: Das ist kein Vorwurf an einzelne Schulen, Dozenten oder Praxen. Das Problem ist systemisch.

Der Grundwiderspruch

Man macht drei Jahre Ausbildung. Und während dieser drei Jahre sagt einem praktisch jeder Dozent denselben Satz: Wenn du fertig bist, weißt du eigentlich noch nichts.

Wenn drei Jahre Vollzeitausbildung nur dazu führen, dass man den Schein hat, an Menschen zu arbeiten, aber noch nicht helfen kann, dann stimmt an der Gestaltung dieser drei Jahre etwas nicht.

Dazu kommt: Nach dem Examen zwingt niemand zu einer einzigen Fortbildung. Theoretisch kann man bis zum Renteneintritt mit genau dem Wissen aus der Ausbildung behandeln.

Was im Lehrplan fehlt: der Transfer

Die einzelnen Fächer werden jedes für sich intensiv unterrichtet. Was fehlt, ist die Verbindung dazwischen.

Wie hängt Neurologie mit Orthopädie zusammen? Was bringt Wissen über die inneren Organe für die konkrete Therapie am Bewegungsapparat? Ein Beispiel aus der Folge: Man lernt in Innerer Medizin den Dickdarm. Niemand zeigt die anatomische Verbindung zum Hüftbeuger.

Genau dieser Übertrag ist mit Abstand das Wichtigste — und er wird nicht vermittelt. Matze beschreibt, dass er ihn erst in einer Fortbildung wirklich verstanden hat, obwohl er die Einzelinhalte längst gehört hatte.

Warum das praktisch relevant ist: Wenn man an die eigene Wissensgrenze kommt, landet man automatisch in anderen Systemen. Es gibt Patienten mit körperlichen Beschwerden, deren Ursache nicht in Knochen, Sehnen, Gelenken oder Muskulatur liegt. Deshalb werden Themen wie das hormonelle System oder das Nervensystem später wieder wichtig, obwohl sie in der Ausbildung wie abgehakte Einzelfächer wirken.

Was im Lehrplan zu viel ist

Monatelang spezielle Massagegriffe. Güsse und Wickel. Hydromassage. Elektrotherapie auf einem Stand, der lange überholt ist.

Der Vorschlag: Solche Blöcke ersatzlos streichen und die Zeit für Wahlfächer nutzen.

Bei der physikalischen Therapie geht es ähnlich in die falsche Richtung. In der Schule ein bestimmtes Gerät bedienen zu lernen, bringt nichts — an jedem Arbeitsplatz steht ein anderes, und man wird neu eingelernt. Wertvoll wäre ein Überblick: Was gibt es überhaupt? Wo könnte man es einsetzen?

Der fehlende Qualitätsstandard

Schüler verschiedener Schulen lernen völlig unterschiedliche Inhalte. Das merkt man spätestens im Praktikum, wenn Praktikanten aus anderen Standorten dazukommen.

Es gibt das sogar innerhalb einer Schule: ein Dozentenwechsel mitten im selben Fach, nach dem das bisher Gelernte keine Rolle mehr spielt und komplett neu angesetzt wird.

Ein starrer Einheitslehrplan wäre auch keine Lösung. Aber dass an jeder Schule unterschiedlich ausgebildete Therapeuten herauskommen, ist fragwürdig.

Ausbildung oder Studium?

Beide Modelle sind nicht optimal.

Ein Studium würde Einheitlichkeit erleichtern, schafft aber Zugangsvoraussetzungen und schwächt möglicherweise den praktischen Teil. Ein Beleg aus der Folge: In Österreich ist Physiotherapie ein Studium. Yannick war dort im Praktikum — die Absolventen waren theoretisch deutlich fitter als er, praktisch aber nicht.

Das eigentliche Zugangsproblem ist Geld

Drei Jahre Ausbildung ohne einen Cent Verdienst. Davon rund ein Jahr Praktikum in Vollzeit, ohne dass geregelt wäre, ob man dafür etwas bekommt. Nebenher zu arbeiten ist je nach Lernaufwand kaum möglich. Und je nach Bundesland zahlt man für die Ausbildung sogar noch.

Man muss sich diesen Beruf also leisten können. Das ist besonders absurd, wenn gleichzeitig überall Therapeuten gesucht werden.

Unsere Position dazu: Hürden über den Arbeitsaufwand zu setzen ist legitim. Hürden über Geld nicht. Und man sieht den Effekt: Schulen mit Krankenhauskooperation, an denen man während der Ausbildung Geld bekommt, sind deutlich stärker nachgefragt.

Der offene Zugang zur Ausbildung selbst ist dagegen ein Wert — jeder darf anfangen, unabhängig vom Schulabschluss, und das soll so bleiben.

Nach dem Examen endet die Chancengleichheit

Man ist mit etwa 21 fertig, hat drei Jahre kein Geld verdient und steht bei null. Ab da kosten alle relevanten Fortbildungen Geld und Urlaubstage.

Wer motiviert ist, zahlt für seine eigene Qualität doppelt.

Wenn Arbeitgeber Fortbildungen finanzieren, dann meist mit Bindungsvertrag — man verpflichtet sich für mehrere Jahre und zahlt bei früherem Ausstieg anteilig zurück. Faktisch zahlt man also selbst. Und übernommen werden vor allem die Fortbildungen, nach denen sich höher abrechnen lässt. Nicht die, nach denen man ein besserer Therapeut ist.

Warum das System Qualität nicht belohnt

Das ist der Kern der Systemkritik in dieser Folge.

Ein Therapeut mit zwanzig Jahren Berufserfahrung und vielen Fortbildungen erwirtschaftet nahezu dasselbe wie ein Auszubildender. Die Abrechnung bildet Erfahrung nicht ab.

Aus Sicht eines Arbeitgebers ist es damit systemisch unmöglich, einen Spitzentherapeuten über zwanzig Jahre so viel besser zu bezahlen, wie es ihm gerecht würde. Das ist kein Vorwurf an Arbeitgeber — das System lässt es nicht zu.

Und daraus folgt der unangenehmste Teil: Die Motivation, Leute besser zu machen, existiert für einen Betrieb wirtschaftlich schlicht nicht.

Was wir uns für Praktikanten wünschen

Ein Appell aus der Folge, ausdrücklich an Kollegen gerichtet: Wer einen Praktikanten ab Tag eins vierzig Stunden durcharbeiten lässt, um eine günstige Arbeitskraft zu haben, soll es bitte lassen. Im Praktikum geht es nicht um die Praktikumsstelle, sondern um den Praktikanten.

Wie es aus unserer Sicht laufen sollte: erst nur mitlaufen. Dann schrittweise mehr Eigenständigkeit, dabei immer der eigentliche Therapeut daneben, der zusieht und unterstützt. Und wer wirklich eigene Patienten übernimmt, muss dafür entlohnt werden.

Was wir Berufsanfängern raten

Erst die Frage, dann die Fortbildung. Der erste Schritt ist nicht, welche Fortbildung, sondern was für ein Therapeut man sein möchte. Viel aktiv auf der Fläche oder vor allem manualtherapeutisch? Praxis oder Krankenhaus? Erst daraus ergibt sich die passende Fortbildung.

Hospitieren. Rückblickend war das für Matze das Wirksamste. Es kostet nichts außer Zeit, und man bekommt ein Gefühl dafür, wo man hinwill. Wir haben noch nie jemanden abgelehnt und nehmen dafür kein Geld.

Kollegen fragen. Durch Instagram sind viele Therapeuten heute transparent genug, dass man sie einfach anschreiben kann — auch nur, um nach sinnvollen Fortbildungen zu fragen. Der Fortbildungsmarkt ist sonst kaum zu durchschauen.

Was wir selbst daran ändern

Wir glauben nicht, dass sich die Ausbildung in den nächsten Jahren wesentlich verändert. Das Bild aus der Folge: Wenn man die therapeutische Entwicklung der letzten zehn Jahre als Hundertmeterlauf beschreibt, steht die Ausbildung noch am Startblock.

Deshalb unser Weg: die Ausbildung nicht verändern, sondern erweitern.

Geplant ist eine Förderung für besonders motivierte Auszubildende. Mit einem bezahlten Praktikum, damit der finanzielle Hintergrund keine Rolle spielt. Der Zugang läuft über eine ordentliche Bewerbung und eine Empfehlung von Dozenten. Bei guter Leistung folgt anschließend eine Förderung für hochwertige Fortbildungen.

Und zwar ausdrücklich ohne Bindung. Die Geförderten sollen nicht zwingend bei uns arbeiten. Das Ziel ist ein Netzwerk der besten Therapeuten der nächsten Generation — und die Hoffnung, dass andere Praxen Ähnliches aufbauen.

Und trotz allem

Nach all der Kritik gehört der Nachsatz dazu, der im Podcast am Ende steht: Die Ausbildung macht Spaß. Wer echtes Interesse daran hat, Menschen zu helfen, macht einen der besten Berufe überhaupt — weil man mit den Leuten zusammenarbeitet und Erfolge und Fortschritte unmittelbar sieht.

Die ganze Folge hören

NextGen Therapy Folge 2 läuft 64 Minuten und ist auf YouTube und Spotify verfügbar.

Sie machen gerade die Ausbildung und wollen mal reinschauen?

Hospitationen sind bei uns möglich und kosten nichts. Schreiben Sie uns einfach. Physiotherapie Matthias Kranz, Kutenhauser Straße 155a und Stiftsallee 29 in Minden.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page